Herr Schlumberger, wir haben gerade ein Konzert Ihrer Schüler gehört. Man erlebte immer wieder Momente tief empfundener Musik bei den Kindern. Wie machen Sie das?

 

Martin Schlumberger:
Na ja, das mache ja nicht wirklich ich, die spielen schon selber so. Aber sie sind ja durchaus dankbar für Hilfestellungen, damit sie die Werke, die sie spielen, auch verstehen und beherrschen. Und dann kommen sie langsam in die Lage, eine eigene Interpretation ihrer Stücke erarbeiten zu können, in der sie richtig aufgehen können. Davon konnten wir uns ja gerade eben das ein oder andere Bild machen.

 

Ist es nicht sehr schwer, gerade Kinder und Jugendliche für zeitgenössische Musik zu begeistern?


Für uns Erwachsene wirkt das oft sperriger, als es für junge Menschen ist. Wir Erwachsenen können jedenfalls nicht sehr leicht mit Unvoreingenommenheit an Neue Musik herangehen, Kinder haben es da bisweilen leichter. Auch hier gilt: Wenn ich verstehe, was ich da eigentlich spiele, ist das sicher nichts Fremdes mehr für mich.

 

Ist das Akkordeon nicht ein sehr unbeliebtes Instrument bei Kindern und Jugendlichen?


Ja, das möchte man meinen (lacht). Natürlich kann man auch bei Kindern beobachten, dass man mit diesem Instrument erstmal schräg angeschaut werden kann. Aber solche Vorurteile lassen sich mit guter und gut gespielter Musik quasi aus dem Raum spielen. Ich denke eigentlich nicht, dass meine Akkordeon-Schüler viel darüber nachdenken, ob die Wahl des Instruments gut war oder nicht. Und dennoch meine ich, feststellen zu können, dass die Kinder, die sich fürs Akkordeon entscheiden und dann auch dabei bleiben, einen sehr, sagen wir, eigenwilligen Charakter haben. Mir gefällt das.

 

Sie haben sehr erfolgreiche Schüler. Bedingen diese Erfolge nicht auch einen enormen Leistungsdruck?


Von Leistungsdruck halte ich überhaupt nichts. Die einzige Triebfeder sollte eigentlich intrinsische Motivation sein. Doch bis dahin ist der Weg manchmal weit. Das ist meinen Schülern von Anfang an bewusst, wir sprechen darüber ganz deutlich, schon bevor der Unterricht überhaupt beginnt. Selbstverständlich üben Musiker täglich, da sind Anfänger keine Ausnahme. Dann stellt sich auch ein Erfolg ein, der eine tiefe Freude am Musizieren erzeugt. Um des „Erfolges“ willen üben meine Schüler hoffentlich nicht! Aber sie nehmen ihn gerne mit, wenn er sich anbietet.

 

Sind Ihre Schüler außerordentlich talentiert?


Ich denke, die Anlagen der meisten meiner Schüler sind nicht schlechter oder besser als die von anderen Kindern. Mit regelmäßiger strukturierter Beschäftigung mit Instrument und Musik kann eigentlich jeder ziemlich gut musizieren.

 

Was ist für eine gute Instrumentalausbildung wichtig?


Da spielen sehr viele Faktoren eine Rolle. Neben der schon erwähnten regelmäßigen Arbeit ist das vor allem gesellschaftliche Unterstützung. Wenn die Familie die Ausbildung nicht konsequent auf verschiedensten Ebenen unterstützt, wird die Angelegenheit schon recht schwer. Die motivierende Wirkung von Erfolgserlebnissen sollte man Kindern auf keinen Fall vorenthalten, sie sollen und müssen die Früchte ihrer Arbeit ernten dürfen. Sprich: Musik will auch vorgespielt werden. Das sind nur einzelne Beispiele, das Themenfeld 'Motivation von außen' lässt sich beliebig erweitern. Mit entscheidend ist meiner Überzeugung nach aber auch, ein gutes Instrument und gute Literatur zum Spielen zu haben. Je reicher der musikalische Gehalt, desto reicher die Ernte.

 

Instrumentalausbildungen sind teuer. Instrumente kaufen, Unterricht bezahlen: Nicht jeder kann sich das leisten. Finden Sie das nicht ungerecht?


Natürlich ist das ungerecht. Leider existiert die Forderung, jeder solle ein Instrument lernen können, nur auf dem Papier. Es ist gut, dass Musikschulen staatliche Unterstützung erhalten, auch wenn diese immer geringer ausfällt. Doch das reicht nicht, es bleibt teuer genug. Privatlehrer wie ich erhalten keine Unterstützung, wir sind gezwungen mehr zu verlangen und trotzdem weniger als die Musikschulkollegen zu verdienen. Ich habe beispielsweise immer wieder versucht, Stiftungen für die Finanzierung kostenfreier oder kostengünstigerer Ausbildungsplätze bei mir zu gewinnen, um sozial schwächeren Familien dieses – ich muss das leider sagen – Privileg zu ermöglichen, bisher erfolglos. Die Vorstellung, musikbegeisterte und lernwillige Kinder aus finanziellen Gründen abweisen zu müssen hat für mich persönlich etwas sehr Unerträgliches.

 

Sie haben lange an Musikschulen gearbeitet, jetzt unterrichten Sie nur noch privat. Sind Musikschulen nicht mehr die optimalen Ausbildungsstätten für junge Musiker?


Musikschulen bieten oft hervorragende Strukturen und sehr gutes Personal. Wo lassen sich leichter Kammermusikpartner und Konzerträumlichkeiten finden? Das ist aber leider nicht alles. Durch Sparmaßnahmen sind diese Einrichtungen immer mehr gezwungen, an der Qualität zu sparen. Meist geschieht dies durch Zusammenlegung mehrerer Schüler zu gemeinsamem Unterricht. Das wird dann begründet mit den Chancen, die im gemeinsamen Musizieren usw. liegen. Und das wäre schon richtig. Aber nur, wenn der Gruppenunterricht kein Dauerzustand wäre, sondern bei Bedarf angesetzt werden könnte. Und die Gruppe muss natürlich auch zusammen passen. Das wiederum würde allerdings nicht weniger, sondern mehr Geld kosten. Musik ist Kunst. Und eine Kunst ist individuell. Ich jedenfalls unterrichte meine Schüler diesem Grundsatz entsprechend ausschließlich alleine. Und ich freue mich sehr, wenn wir darüber hinaus kammermusikalische Erfahrungen sammeln können, das ist ungemein wertvoll. Im Übrigen möchte ich ja gar nicht bestreiten, dass es durchaus Kollegen gibt, die sehr guten Gruppenunterricht an Musikschulen anbieten. Aber das sind die wenigsten. Ich habe noch viele weitere Gründe, aus denen heraus ich mich entschlossen habe, als Privatlehrer zu arbeiten, aber deren Erläuterung würde etwas weit führen...

 

Wie wichtig sind Vorbilder für junge Musiker?


Junge Menschen brauchen grundsätzlich Vorbilder, das gilt hoffentlich nicht nur für Musiker. Künstler benötigen vielleicht von Zeit zu Zeit Leitbilder, Idole, die ihre Phantasie beflügeln, Kraft schenken und Anschub leisten. Aber irgendwann muss man seine eigene Richtung einschlagen. Ich finde Vorbilder gut, aber man muss auch frei bleiben.

 

Haben und hatten Sie Vorbilder?


Natürlich. Ich habe mich sehr bewusst für sie entschieden und mir dann von ihnen deutliche Richtungsvorgaben geben lassen. Auch jetzt habe ich noch wirkliche Vorbilder, beispielsweise die Pianisten Arthur Rubinstein und Michael Leslie. Das sind Vorbilder, die mit der Zeit gewachsen und gereift sind und von denen ich glaube, dass sie mich ein Leben lang leiten und geleiten werden.

 

Ein Akkordeonist mit Pianisten als Vorbild?


Na ja, zum einen bin ich ja auch Pianist, schließlich habe ich beide Instrumente studiert. Zum anderen ist für einen Musiker nicht vordergründig das Instrument, auf dem er selbst spielt, so sehr ausschlaggebend. Und: ich habe sicher noch weitere Vorbilder, nicht nur musikalische...

 

Viele Musiker sehen das Unterrichten als 'notwendiges Übel', um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Wie beurteilen Sie das?


Ja, es gibt diese Kollegen. Ich möchte das nicht bewerten. Für mich war schon vor Beginn des Studiums klar, was mein Ziel sein wird. Ich wollte Lehrer werden.

 

Viele Ihrer ehemaligen Studienkollegen sind heute gefeierte Solisten. Wollten Sie niemals so eine Karriere?


Nein, sicher nicht. Auch ich bin gerne auf der Bühne. Öffentliches Musizieren kann eine ungemein tiefe Erfahrung sein, sowohl für den Interpreten wie auch für das Publikum. Ich schätze die Bühne also sehr. Abhängig von ihr bin ich aber sicher nicht.

 

Immer engere Lehrpläne an Schulen rauben Kindern und Jugendlichen den Großteil ihrer Freizeit. Kommt man da überhaupt noch zum Üben?


Das ist ein großes Problem. Ich bewundere meine Schüler schon sehr oft dafür, wie sie das alles hin bekommen. Aber – so paradox das erst mal klingen mag – viele meiner Schüler entfliehen diesem Stress mit jeder Minute, die sie mehr zum Spielen kommen, ein Stückchen weiter.

 

Sie empfehlen Ihren Schülern oft die Teilnahme am Wettbewerb 'Jugend musiziert'. Was ist so gut daran, Kinder, die ohnehin genug Leistungsdruck verspüren, an Wettbewerben teilnehmen zu lassen?


Ich verstehe diese Sorge sehr gut. Nur: Die Intention dieses Wettbewerbs liegt nicht im Leistungsdruck, sondern in der Motivation. Und das gelingt – zumindest im Fach Akkordeon – außerordentlich gut. Die Kinder haben ein klares Ziel, auf das sie sich vorbereiten. Und dieses Ziel besteht darin, sehr gute Musik sehr gut spielen zu können. Warum sollte man dafür nicht obendrein mit dickstem Lob von einer sehr wohlwollenden und erfahrenen Jury, vielleicht sogar noch mit einem Preisträgerkonzert oder einer Weiterleitung zum nächsthöheren Wettbewerb zusätzlich belohnt werden? Der Wettbewerb soll bestärken, nicht beängstigen. Und das tut er auch.

 

Sie sagten einmal, Musiktheorie sei nicht nur was für Studenten. Ist Theorie nicht ein wenig trocken für junge musizierende Menschen?

 
Ich bin der festen Überzeugung: Nur wer versteht, was er da spielt, kann auch lebendig, 'von Herzen' und begeisternd spielen. Das fängt schon bei einfachsten Stückchen an. Man kann beispielsweise an Hochschulen immer wieder feststellen, dass junge Studenten so gut wie keine Grundkenntnisse von Harmonie- und Formenlehre besitzen, geschweige denn etwas damit anzufangen wüssten. Es hat meines Erachtens nach überhaupt nichts Verwerfliches, wenn Menschen, die selbst nicht musizieren, Musik nur emotional bewerten, aber für selbst musizierende Menschen reicht das alleine nicht aus. Gerade emotionales Erleben wird doch durch Verständnis erheblich verstärkt! Und dieses Verständnis kann man von Anfang an mit-lernen. Das ist mir sehr wichtig.

 

Was ist das Erfolgsrezept für guten Musikunterricht?


Rezepte gibt es nur für die Küche. Und selbst erfahrene Köche arbeiten selten streng nach Rezept. Ich kann aus meiner Erfahrung nur sagen, dass kein Weg eines meiner Schüler dem eines anderen gleicht. Warum auch? Ich denke, man braucht klare Ziele, der Weg, auf dem wir versuchen, sie zu erreichen, wird immer wieder ein neuer sein.